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Das Geschenk des Friedens

Ich habe die seltsame Angewohnheit, hin und wieder Geschichten aus dem Krieg zu lesen. Das macht mir keinen Spaß. Im Grunde will ich noch nicht einmal wirklich wissen, was alles Grauenvolles in der Welt geschieht oder passierte.

Aber wenn mich die Stimmung packt, in der ich mit meinem Leben nichts anzufangen weiß… oder irgendwie das Gefühl bekomme, mir wachsen Probleme oder Forderungen über den Kopf. Dann weiß ich: Es ist Zeit, Carolin Emcke aus dem Regal zu holen.
Sie schreibt „VON DEN KRIEGEN„, die sie als Journalisten miterlebt hat. Sie veröffentlicht hier Briefe an ihre Freunde und Familie, die sie aus den Krisengebieten heraus geschrieben hat. Oder im Nachhinein verfasst hat, um Erlebtes zu verarbeiten.

Geschichten fremder Menschen

Ich lese nur kapitelweise. Manchmal sogar noch weniger. Lese von den Menschen, wie sie in Situationen grenzenloser Ohnmacht leben. Wie sie Gewalt und Ungerechtigkeit erfahren. Freunde oder Familie verlieren. Und es tut so weh. Beim Lesen. Die Vorstellung allein, das Mitempfinden tausende Kilometer entfernt.

Da ist das Bild des zehnjährigen Mädchens aus Gjakova, das vor den ausgebrannten Trümmern ihres früheren zu Hauses stand und ohne Unterbrechung redete, wirr und wie zusammenhangslos. In dem Haus waren ihr Vater, ihr Bruder, ihre Tante und zwei ihrer Cousins umgekommen. Die Soldaten hatten sie und ihre Mutter aus dem Haus geschickt, dann die verbliebenen Männer umgebracht und das Haus angezündet. Emcke schreibt:

Ich kann nicht vergessen, wie sie da stand, auf ein paar Mauersteinen, leicht schief, weil es keinen ebenen Boden mehr gab; dass sie nicht richtig sprechen konnte, uns zeitweise nur wortlos anstarrte, dann weiter sprach und so gar nicht wütend wirkte. Sie war still und ruhig, nur hin und wieder schien sie irritiert, wenn sie merkte, dass sie das Kunststück nicht mehr beherrschte: Wie man Sätze bildet und etwas Sinnvolles mitteilt.

Ich lese von diesen Menschen… es schnürt mir die Kehle zu, es macht mich unendlich traurig. Wie eine Familie auf dem Boden ihres Hauses rumkriechen muss, weil draußen Armee und Rebellen seit Stunden im Schusswechsel sind. Das Tränengas, das durch das Fenster in der Küche landet führt zu einem Schreikrampf der Kleinen… und die Katze würgt sich fast zu Tode. Ich bin immer wieder fassungslos.
Und dann wird meine kleine Welt wieder „ins rechte Licht“ gerückt. Dann komme ich wieder bei mir an und der unendlich großen Dankbarkeit die ich für dieses Leben empfinde.
Und der Dankbarkeit, in Frieden leben zu dürfen.

Das Geschenk, in einer friedlichen Welt zu leben

Es ist ein unglaubliches Geschenk, mit lieben Menschen gemeinsam in der Küche zu sitzen, zu plaudern, zu lachen, sich über den Tisch die Butter und das Brot zu reichen. „Magst du noch etwas vom Tomatensalat?“
Es ist ein wunderbares Geschenk, spazieren gehen zu können. Die laue Abendluft einzuatmen, das Wispern der Blätter in den Bäumen zu hören.
Frieden.

 

Frieden Ruhe Stille

Mit meiner Freundin abends die friedliche Stille am See genießen.

 

Ich kann in den Supermarkt gehen und die Regale sind gefüllt mit so vielen Sachen, mit soviel Luxus. Ich hab Lust auf Vanillepudding, auf Couscous mit Gemüse, oder doch lieber was anderes? Kein Problem. Es ist alles da. Wie als wär man König.

Ich lese Carolin Emcke und bewundere sie für ihren Mut. Warum sie immer wieder das Risiko eingeht, ihr Leben aufs Spiel setzt… um bei Fremden zu sein und freiwillig deren Schicksal zu teilen, wird sie oft gefragt. Sie hat selbst keine endgültige befriedigende Antwort parat. Aber sie schreibt:

Ich will Zeugin sein, bei den Menschen, denen Unrecht wiederfährt.
Aber der Krieg stößt mich ab.
Jedes Mal.
Es wird nicht weniger.
Ich gewöhne mich nicht daran.
Ich bin nicht fasziniert von Leichen und Verwüstung.
Mich widert es an.
In dem Moment, wo ich begänne, solche Reisen erträglich zu finden – würde ich aufhören.

kriege emcke „Von den Kriegen

Briefe an Freunde“

von Caroline Emcke,

2004




Read full story · Comments { 1 } · Juli 26, 2013 ·
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Einfach mal „Danke!“ sagen – Menschen, die unserem Leben mehr Farbe geben

Was bedauerst du in deinem Leben am meisten? Und wer ist der Mensch, der dich am meisten beeinflusst hat im Leben? Zwei Fragen, die mir folgende Videos in mir aufgeworfen haben: Und diese Perlen möchte ich mit euch teilen!

 

Sich einmal die wichtigen Fragen stellen

Das ambitionierte Filmprojekt „fifty people one question“ stellt auf der Straße zufällig angetroffenen Menschen sehr tiefgründige Fragen – und manch einer lässt sich wirklich auf die Frage ein. Da kommen sehr bewegende Antworten und kurze Einblicke in des Menschen Seele zustande. Wie auch in dem Film auf den Straßen Irlands: Was ist es, was du am meisten bedauerst? Da gibt es das Mädchen, dass ihren kranken Großvater nicht mehr besucht hat, oder den alten Mann, der nach 50 Jahren erst die Frau seines Lebens geheiratet hat und mit ihr nur noch ein Jahr hatte. Und es gibt auch recht viele, die guter Dinge sind und meinen: Ich bereue nichts, ich nehme das Leben wie es kommt.

Dieses Video hat mich sehr nachdenklich gestimmt und weil es sich so viel Zeit lässt, rührte es doch an den wunden Punkten in mir… da kamen Bilder hoch und bald kullerten die Tränen. Auch wenn ich nicht wirklich etwas in meinem Leben bereue… also nichts, was ich getan habe… so tut es mir doch in der Seele weh, meiner Mutter nicht oft genug gezeigt oder gesagt zu haben, wie sehr ich sie liebe.

Ich fühle so unendliche Dankbarkeit meiner Mama gegenüber und es tut mir leid, dass ich das so selten zeige. Sie ist so lieb und voller bedingungsloser Liebe mir gegenüber – und ich bin zu oft ungeduldig und unwirsch, anstelle über Kleinigkeiten hinweg zu sehen und einfach nur unserer Liebe nachzuspüren und ihr meine Liebe genauso frei zurückzugeben, wie sie es auf jeden Fall verdient. Sie ist immer für mich da, wenn ich sie brauche und sie nimmt mich im Grunde so, ganz gleich wie ich bin. Sie nimmt mich wenn ich schreie und schimpfe, wenn ich froh bin, oder laut und übermütig, sie nimmt mich wenn ich krank bin und mich nicht stark fühle, sie ist bei mir und trägt mich… Ach danke danke danke Mama! Es tut mir leid, dass ich dir meine Liebe so verschweige.

 

Dankbarkeit zeigen – Sag den Menschen, wie du fühlst!

Heute bin ich auf eine Kurzdoku gestoßen über ein wissenschaftliches Experiment zum Thema Glücklichkeit (haha, gibt es das Wort überhaupt?). Sie ließen die Menschen sich hinsetzten und einen Augenblick nachdenken, wer ihnen im Leben am meisten mitgegeben hat. Wer hat dir etwas besonders Gutes getan? Aber schaut selbst:

 

 

Ich kenn das Gefühl, so dermaßen dankbar zu sein, dass ich fast platze vor Gerührtheit. Doch selten ergreife ich die Chance, dem Menschen dann auch zu zeigen, wie sehr ich bewegt bin. Wie sehr ich dankbar bin, dass es ihn in meinem Leben gibt. Warum eigentlich? Wenn Menschen mich glücklich machen, sollten sie das auch wissen dürfen, oder? :)

 

Freunde sein und Sommerzeit




Read full story · Comments { 7 } · Juli 12, 2013 ·
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Und sie reichen übern Graben sich die Hand!

Was da gerade zwischen den Menschen im Iran und in Israel geschieht, finde ich herzerwärmend schön. Während die „da oben“ über Atomwaffen und drohende Angriffskriege spekulieren – wie üblich den Kollateralschaden Mensch ungerührt in Kauf nehmend… hat sich ein Israeli namens Ronny Edry mit seiner 5jährigen Tochter abgelichtet und mit der Message versehen: „Iraner – wir werden euer Land niemals bombardieren. Wir lieben euch.“

Was nun passierte, ist einfach wunderbar und zur Nachahmung empfohlen: Tausende Facebooknutzer schlossen sich der Aktion an – und sowohl Iraner als auch Israelis zeigen ihr Gesicht zur deutlichen Botschaft: „Wir wollen keinen Krieg, wir kennen euch nicht, lasst uns lieber in Dialog treten, lasst uns Freunde werden.“

Das erinnert mich unweigerlich an die Liedzeilen von Bettina Wegner:

Ein Soldat ist auch ein Vater,

jemands Sohn und

jemands Mann…

… liebt die Mutter, liebt die Frau und liebt sein Kind.

Es ist Wahnsinn, dass ein Liebender auch Menschen töten kann,

die genauso wie er selber liebend sind.

Wenn Soldaten sich verbrüdern,

durch ein tausendfaches NEIN!

Und sie reichen über’n Graben sich die Hand:

Kann das Leben auf der Erde endlich

menschenfreundlich sein…

… und es braucht nicht mehr die Mahnung an der Wand.

 

Ist es nicht so, auch wenn es naiv klingen mag: Die Mächtigen führen zwar die Kriege, aber sie sind machtlos, wenn es keinen gibt, der in den Krieg ziehen will. Dass nun die Menschen sich zusammenschließen und einander näher rücken, macht Hoffnung dass ein oder anderer mehr begreift, wie sinnleer Kriegstreiberei ist.

 

 

 

 




Read full story · Comments { 0 } · März 26, 2012 ·
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Kurzfilm: Vom Schäferjungen und dem Adler

Sie fehlen in unserer Gesellschaft: Die Alten, die den Jungen etwas beibringen, an ihrer Weisheit teilhaben lassen. In anderen Ländern und zu anderen Zeiten sind es die Großeltern, bei denen du Rat suchst; wird dem Großmütterchen viel Respekt entgegengebracht und vor dem Großvater verliert keiner seine Achtung. In Deutschland werden unsere Alten weggesperrt, wie etwas, das man nicht sehen will, das einem nichts weiter bringt als Ärger. Und die Alten, so bedauerlich das ist, finden sich meistens auch mit dieser Rolle ab: scheinen gar keine Weisheit mehr in sich zu finden, die sie weitergeben wollen.

Ich glaube, wir verlieren dadurch den Zugang zu unseren Wurzeln. Älteren Menschen fällt die Aufgabe des „Weitergebens“ zu: wie soll die nachfolgende Generation nun von der Familiengeschichte wissen? Oder was im Leben wirklich zählt?

Voneinander lernen, füreinander dasein, miteinander leben!

Foto: Evan Long

Alte Menschen sollten auf die Barrikaden gehen! Na klar, manch einer ist gebrechlich und kann nicht so wie früher: aber doch nicht jeder alte Mensch ist senil im Kopf, als dass er nicht mehr denken, nicht mehr reden, nichts mehr bewirken könnte. Nun habt ihr Älteren soviel Erfahrungen im Leben gesammelt (100 Jahre gelebt!) und was macht ihr damit? Diese einander euch vorkauen? In alten Zeiten schwelgen? Die Welt braucht euch genauso, wie sie die jungen Menschen braucht.

 

 

 

 




Read full story · Comments { 1 } · Januar 22, 2012 ·
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Menschen wachzurütteln aus ihrer Gleichgültigkeit (Nachtwey)

Schon als ich den Film „War Photographer“ geschaut hatte, ging ich zutiefst erschüttert und auch beeindruckt von Nachtwey aus dem Kino. Als schweigsamer und stiller Mann, der er eigentlich ist, erstaunt er 2007 in einer TED-Konferenz mit seiner langen Rede. Er zeigt nur einen Bruchteil seiner Arbeit, doch das reicht aus, um aufs Gemüt und den Magen zu schlagen. Die Bilder haben es leider in sich.
Da gibt es den Moment, in dem er ein Bild zeigt und ohne Worte das Publikum einfach nur anschaut. Sein Ausdruck verrät, wie stark ihn sein Beruf eigentlich mitnimmt, welche Verzweiflung und Wut er in sich trägt. Ich überlege ernsthaft, ob er nachts noch schlafen kann.

Man kann sich da recht leicht fragen, warum er sich diese Arbeit seit 29 Jahren antut. In seinem Vortrag gibt er selbst Antwort dazu:
1) Gesellschaftsprobleme können erst gelöst werden, wenn sie benannt und identifiziert werden.
2) Kriegsfotografien geben denjenigen eine Stimme, die sonst keine Stimme haben.

Erschreckend ist für mich auch das Argument, Hunger sei eine Massenvernichtungswaffe. Die Folgen von Kriegen sind unermesslich.

 

weitere Infos und Fotos habe ich auf einer Extraseite zusammengetragen: [James Nachtwey – der Kriegsfotograf]

++ James Nachtwey: Wieso Krieg fotografieren? ++

Es hat schon immer Krieg gegeben. Auch genau in diesem Moment ist Krieg auf der Welt. Und es gibt wenig Grund zu hoffen, dass sich das so schnell ändern wird. Je „zivilisierter“ Menschen werden, desto wirksamer, desto grausamer werden ihre Methoden zur Vernichtung von Mitmenschen. Kann Fotografie etwas ausrichten gegen ein menschliches Verhalten, das die Geschichte überdauert? Eine geradezu lächerlich überzogene Vorstellung, sollte man meinen. Und doch ist das genau die Idee, die mich motiviert hat.

Ich sehe die große Chance der Fotografie darin, dass sie ein Gefühl für Humanität zu wecken vermag. Wenn Krieg die Folge eines Zusammenbruchs der Menschlichkeit ist, dann kann Fotografie das Gegenteil von Krieg sein; richtig eingesetzt, kann sie sogar zum Gegengift werden. Wenn einer wie ich mitten in den Krieg zieht, um alle Welt wissen zu lassen, was da wirklich passiert, dann versucht er auf seine Weise, den Frieden auszuhandeln. Vielleicht haben die Kriegführenden deshalb so ungern Fotografen dabei.

Ruanda, 1994

Könnte ein jeder Mensch auch nur einmal mit eigenen Augen sehen, was Phosphor aus dem Gesicht eines Kindes macht oder welch unaussprechlicher Schmerz durch eine einzige Kugel verursacht wird,  wie ein verirrter Granatsplitter dem Nebenmann das Bein abreißt – wenn jeder nur ein einziges Mal dort wäre und selbst den Gram und die Angst spüren könnte – dann würden sie verstehen, dass nichts es rechtfertigt, einem Menschen so etwas anzutun, geschweige denn Tausenden.

Aber nicht jeder kann dort sein, und deshalb gehen Fotografen dahin: um Aufmerksamkeit für das zu erwecken, was tatsächlich los ist, um Bilder zu machen, die wahrhaftig genug sind, die beschönigenden Darstellungen der Massenmedien zu korrigieren und die Menschen wachzurütteln aus ihrer Gleichgültigkeit; um zu protestieren und durch die Kraft dieses Protests auch andere zum Protestieren zu bewegen.

Am Schlimmsten ist das Gefühl, dass ich als Fotograf vom Elend anderer profitieren könnte. Dieser Gedanke verfolgt mich. Ich schlage mich tagtäglich mit ihm herum, weil ich weiß, dass ich, wenn ich jemals persönliches Erfolgsstreben wichtiger nehmen würde als mein aufrichtiges Mitgefühl, dann hätte ich meine Seele verkauft. Für dieses Umdenken allerdings ist mir der Einsatz zu hoch.

(James Nachtwey)




Read full story · Comments { 2 } · Januar 16, 2012 ·
24.05.2015 mondamo.de | Kontakt