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Zu Gast bei den Bürgern von morgen

Ich sitze in einem karg eingerichteten Wohnzimmer – Couch, Tisch, Fernseher, keine Gardinen aber ein großer Korb voll mit altem scheinbar gespendeten Obst auf dem Fensterbrett – und lasse mich ein auf ein Interview mit drei syrischen Flüchtlingen. Mit Ahmad* (32), Gassan* (35) und Majd* (36). Im Mai sind sie aus Syrien geflohen und seit Juli in Deutschland. Nun leben sie in Mölln und warten darauf, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Ich bin pünktlich, doch keine drei Minuten vor mir haben schon zwei Kirchenvertreter an der Tür geklingelt. In dem Glauben, die zwei seien gekommen, um das geplante Interview zu führen, wurden sie eingelassen und bekamen nach syrischer Tradition Tee gereicht. Nun stehe ich im Raum, das Missverständnis klärt sich schnell auf. Ahmad bekommt eine Bibel auf syrisch versprochen, dann machen sich die christlichen Fremden wieder auf, die Tassen bleiben unberührt.

 

Die Geschichte einer Flucht

Möchtest du deinen Tee mit Zucker? fragt mich Gassan. Ich verneine. Er staunt und schaut mich ungläubig an.
Dann setzen wir uns, ich bekomme den Platz auf der Couch, die drei sitzen im Kreis auf Stühlen um mich herum, und ich kann mit den Fragen beginnen. Zu meiner linken sitzt Ahmad. Er fällt auf mit seiner gepflegten Kleidung, teuer ausschauenden Armbanduhr. Gassan und Majd sind eher sportlich leger gekleidet. Wir steigen gleich in die harten Themen ein. Sie erzählen von ihrer Flucht, von ihrer Angst, von den Schwierigkeiten und Gefahren. Und obwohl sie alle ungefähr in meinem Alter sind, komme ich nicht umhin, mich viel jünger zu fühlen. Vor mir sitzen Menschen, die neben der Verantwortung eine Familie zu ernähren, seit vier Jahren in einem Krieg lebten und tausende Kilometer Weg auf sich nehmen mussten auf ihrer Flucht. Diese Lebenserfahrung lässt sie älter wirken. „Einmal“, setzt Ahmad an, eine weitere Episode ihrer aufgezwungenen Reise zu beschreiben, „kam ein Auto an uns vorbeigefahren und die Leute warfen uns sechs Flaschen Wasser hinaus. Ich hab mich so erniedrigt gefühlt. In meinem Heimatland bin ich kein Obdachloser. Und hier nun, in Mazedonien, schlafe ich auf der Straße, zwischen Büschen und Gestrüpp und irgendjemand denkt, er könne mir Wasser hinwerfen.“ Unwillkürlich stelle ich mir vor, mein Vater wäre auf die Flucht gegangen. Vom sozialen Status her, von der Würde die sie ausstrahlen, zieht der Vergleich. Allein schon die bloße Vorstellungen, meinen Vater in so einer entwürdigen Situation zu sehen – verdreckt, hungrig, verzweifelt und ausgelaugt –  tut mir in der Seele weh. Ich bin dankbar dafür, hier sein zu dürfen, und mir die Augen öffnen zu lassen. Drei syrische Männer werden vor meiner Nase von bloßer Statistik zu menschlichen Wesen. Nachdem sie mir zwei Stunden ihre beeindruckende Geschichte erzählt haben, werde ich gefragt, ob ich nicht bleiben möchte. „Majd kocht so gerne! Sei unser Gast!“ Hier fing der Abend erst wirklich an.

Es ist nicht mein Anliegen, heute all die Hintergrundinfos zu geben, die vielleicht in dieser Sache nützlich zu wissen wären. (Dass die Hälfte aller Syrer einen Gymnasialabschluss haben und aus ökonomisch guten Verhältnissen stammen, beispielsweise. Oder wie die Flüchtlinge verteilt werden. Oder dass Menschenrechtsorganisationen schon seit Jahren warnen, dass die Zahl der Asylsuchenden steigen wird & Deutschland also lange Zeit gehabt hätte, sich gut vorzubereiten…)

syrische Flüchtlinge Interview

 

Ich will vielmehr, dass wir alle einen Moment lang inne halten und an unsere Herzen jenes Bild lassen, das ich von Gassan bekam an diesem Abend.

Gassan war es, der mir die Tür mit einem breiten Lächeln öffnete. Er war es, der erstaunt war, dass ich keinen Zucker in meinem Tee wollte. Gassan war es, der mir im Verlaufe des Abends beibrachte, wie man Zigaretten richtig stopft. Immer, immer lächelte er milde und lachte und scherzte mit uns. Doch schaute ich ihm in die Augen, sah ich den Schatten des Kummers darin: seinen Vater hatte er durch den Krieg verloren, seine Mutter, Frau und Kinder zurück lassen müssen, als er auf die Flucht ging. Zu gefährlich und mühsam erschien ihm die Strecke für seine Liebsten.

Nun springt er auf und kommt kurze Zeit später mit seinem Rucksack zurück: „Jetzt ist er wieder sauber“, erklärt er mir. Redbull und Snickers, zwei Wasserflaschen, Dokumente und Geld und ein paar Klamotten zum Wechseln, das war alles was er mitnehmen konnte. Der Rucksack war ihm Freund und Feind zugleich auf seinem gefährlichen Weg: „Irgendwann wird dir das leichteste Ding auf dem Rücken zur Last, wenn du zweihundert Kilometer tagein tagaus auf Wanderschaft bist.“ Doch nachts in Mazedonien, wenn sie sich schlafen legten auf der Straße zwischen Staub und Dreck, da hatte er seinen Rucksack als Kissen genommen und sich zuweilen in den Schlaf geweint, gesteht er mir. Ich gaube ihm. Ein kurzer Moment betretendes Schweigen folgt auf diese Erinnerung, dann leuchtet sein Gesicht wieder auf und er führt mir schelmisch grinsend seine Badehose vor. Darin eingenäht eine Tasche für Dokumente und Geld: damit bei den Überfällen, die sie durchleben mussten, die Kerle ihm nicht restlos alles abnehmen konnten. Die drei lachen das Lachen derer, die es dringend zum Weiterleben benötigen. Die es lachen müssen, um die Hoffnung nicht aufzugeben.

Hoffnung auf Wiedervereinigung

Zum Beispiel dass Gassan es schaffen wird, seine Mutter nach Deutschland zu holen. Das Gesetz zur Familienzusammenführung sieht eine verwitwete Mutter nicht als Teil der Familie an. Es zählen nur Frau und eigene Kinder. Doch seine Mutter auf sich gestellt zurück in Syrien zu lassen, bräche ihm das Herz. „Eine alte Frau in Syrien und allein: das kommt einem Todesurteil gleich!“ erklärt Ahmad die Sorgenfalten auf Gassans Stirn.

Schließlich setzt sich Gassan an den großen Tisch vorm Fenster und macht Musik an. Whitney Houston. Irgendwie hatte ich arabische Klänge erwartet. „Willst du meine Familie sehen?“ fragt er mich und ich nicke gespannt, rücke meinen Stuhl etwas näher. Er holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt mir ein Foto von seinem letzten Geburtstag. Der Tisch ist reichlich gedeckt mit Kuchen und Torte, allerhand Speis und Trank und einer Schale voll Pampelmusen. Zur Feier des Tages hängen Luftballons an der Wand. Ich sehe Gassan auf dem Sofa zurückgelehnt, seine Mutter neben ihm und auf ihrem Schoß sitzen zwei Kinder mit dem breiten Lächeln ihres Papas. Der Sohn berührt seinen Vater am Hals, als hätte er sich gerade aus einer Umarmung gelöst, die dritte Tochter hat ihre Ärmchen noch fest um seinen Bauch geschlungen. Gassan lächelt auch hier, aber es ist ein trauriges Lächeln: denn sein Geburtstag ist gleichzeitig auch der Tag, an dem seine Flucht beginnt.

Bilder eines schönen Lebens

Auf dem nächsten Foto sehe ich seine Frau vor einem Springbrunnen. Sie trägt kein Kopftuch, wie man vielleicht hätte meinen können. Dann ein Foto von seiner Tochter wie sie spielt, eines vom Sohn auf der Schulter. Ein ganz normales, wunderbares Leben sehe ich auf diesen Bildern. Urlaubsbilder, Alltagssituationen. Lachen, Strahlen, Glück. Gassan wischt weiter, Foto um Foto, Erinnerung um Erinnerung. Das ist das einzige was ihm jetzt noch geblieben ist.

Wie zerbrechlich doch dieser anheimelnde Frieden ist, denke ich. Da führen auf einmal irgendwelche Mächtigen mit Waffen und Bomben einen Krieg, und keine Logik gibts dahinter. Am Ende hängt man plötzlich in einem fremdem Zimmer am andern Ende der Welt fest und zeigt einer unbekannten Journalistin die privatesten Aufnahmen seines Glückes. Wie Gassan sich nach seinen Kindern sehnt, ist in seinem Gesicht geschrieben. Wie er seine Frau an seiner Seite vermisst und sich um seine Mutter sorgt. Ungefragt fährt er fort, seine Fotos auf dem Smartphone zur Seite zu streichen, er wirkt ganz verloren darin. Mir stehen die Tränen in den Augen und ich habe Mühe den Kloß runterzuschlucken.

Ich weiß, meine Geschichte erzählt nichts Neues. Das alles habt ihr euch sicher schon denken können: Menschen auf der Flucht hinterlassen Freunde und Familie und nehmen einen beschwerlichen Weg auf sich, um eines Tages ihre Familie in die Sicherheit Deutschlands nachholen zu können. Doch wenn ihr nur einen kurzen Augenblick euch vorstellt, dieser Gassan wäre nicht irgendein Fremder, sondern jemand aus EURER Familie. Wie ihr selbst bangen und hoffen würdet. Wie ihr bittere Tränen weinen, nachts nicht schlafen können würdet und immer immer daran denken, endlich wieder ein „normales Leben“ führen zu können. Ich sage: Wer hierher kommen will, soll hierher kommen, wer hier leben will, soll hier leben und arbeiten können. Ganz so, wie auch ich die Freiheit haben möchte, mich entscheiden zu dürfen, wo auf dieser Welt ich leben und wirken möchte. Die Welt ist unser aller Ort und ich verabscheue Ländergrenzen, wenn sie die einen priveligieren alles zu dürfen und die anderen dazu erniedrigen als Flüchtlinge (nicht einfach Schutzsuchende) angesehen zu werden, deren Freud und Leid (die ganze Zukunft!) von unserer Gnade abhängig ist. Wie ich das sehe, sind Gassan und seine Freunde unsere Mitbürger von morgen. Und so mutig, humorvoll und voll Liebe wie sie sind, freue ich mich drauf!

Vollständiges Interview gibt es hier zum Nachlesen: Was hilft, ist euer Lächeln…

*Namen redaktionell geändert.




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24.05.2015 mondamo.de | Kontakt