Wo finde ich Gott? fragte ich skeptisch

Die Welt als Ort von Chaos, das eigene Leben als Aneinanderfolge von Leid und Leidenschaften. So ist eine gängige Interpretation der Weisheitstraditionen. Es wird gesagt, der Mensch verhaftet in seinem Ego. Und daraus resultiere aller Schmerz. Diesen Zustand soll man nun überwinden mit Meditation und Übung. Und dabei zurück finden, zum einstigen Frieden, der vor Allem war.

Am Anfang war alles PERFEKT!?

Ich habe schon immer Probleme mit dieser Idee gehabt, dass es mal einen Urzustand gab, in dem es kein Streben und Wollen gab. Und zwar rein philosophisch. Ich mag nicht begreifen, wie es sein kann, dass etwas „perfekt“ ist… (so perfekt, dass alle Welt nach diesem Zustand wieder streben will und sollte) Und das dann – obwohl schon alles EINS war, und voll Frieden und ohne zerstörerisches WOLLEN – die Sache aus dem Gleichgewicht kam, und wir dadurch in der jetzigen Welt angekommen sind. Eine Welt, die im Krieg liegt mit sich und allem. In der wir vergessen haben, dass wir alle Eins sind. Wenn doch etwas perfekt ist, dann darf da doch auch keine Langweile sein – und auch keine Neugier… Denn dann ist es ja nicht perfekt oder? Eine perfekte Welt, die zerbricht, war nie perfekt. Und so, meine Schlussfolgerung, kann es nie diese eine heile Welt gegeben haben.

In einem Interview mit Sebastian Gronbach habe ich endlich jemanden gefunden, der diesen Gedanken auch ausspricht. Er formuliert es etwas anders, indem er behauptet:

„Frieden ist nicht das Ziel von Allem. Wenn das das Ziel wäre, hätte „Gott“ ja aus dem Urzustand heraus nichts weiter mehr tun und verändern müssen“ (Sebastian Gronbach)

Diese Welt ist eben nicht ein Unfall, kein Problem, das es zu überwinden gilt. Unser Streben und Wollen ist eine wunderbare, kraftvolle Sache. Wir sollten nicht unsere Unzufriedenheit, die Sehnsucht, das Brennen nach MEHR verurteilen. Im Gegenteil: darin liegt alles Wachsen, alle Schöpfung.

 

Askese als Flucht vor der Welt

Ziel vieler Übungen der Religionen und Weisheitstraditionen ist es, den Lärm hinter sich zu lassen und in die Stille zu gehen. Zurück zu dir selbst zu kommen. Zu einer inneren Wahrheit zu finden, Transzendenz und Erleuchtung zu erfahren. Da liest man Dinge wie, dass die Realität eine Art Traum ist: ein Spiel, oder voll Sünde. Angeblich zu sehr an den Dingen verhaftet, an einer materialistischen Welt. Doch ist die Welt, wie wir sie erleben wirklich so verurteilenswert? Ist die innere Einkehr, der ewige Frieden tatsächlich erstrebenswert?

Das erinnert mich auch an Hesses Geschichte von Narziss & Goldmund:

„War es vielleicht wirklich nicht bloß kindlicher und menschlicher ein Goldmundleben zu führen: es war am Ende wohl auch mutiger und größer, sich dem grausamen Strom und Wirrwarr zu überlassen, Sünden zu begehen und ihre bittren Folgen auf sich zu nehmen – statt abseits der Welt mit gewaschenen Händen ein sauberes Leben zu führen, sich einen schönen Gedankengarten voll Harmonie anzulegen und zwischen seinen behüteten Beeten sündelos zu wandeln.“ (Hermann Hesse)

In der andächtigen Stille mag das Göttliche einfacher zu spüren sein. Hier kann das Große und Erhabene wahrgenommen und mit Ehrfurcht bestaunt werden. Aber das Leben geht derweil da draußen weiter! Wer sich dessen Irrungen und Wirrungen stellt, der ist „Gott“ vielleicht doch viel näher als der wandelnde Mönch.

Gronbach meint in diesem Zusammenhang so schön: Gott oder der göttliche Funke ist nicht IN Allem, sondern Gott zeigt sich ALS Alles!

Nicht:

Es brüllt der Stier, es bellt der Hund. Gott tut sich in der Stille kund.

Sondern:

Gott brüllt als Tier und bellt als Hund und tut sich auch in der Stille kund.

(Sebastian Gronbach)

 

Alle Entwicklung ist gewaltsam

Was können wir jetzt mit dieser anderen Art der Betrachtung anfangen? Nun, wenn Gott alles ist, ist er gerade auch unser Streben nach Entwicklung! Nach der traditionellen Sicht sollen wir nicht (ver)urteilen, die Dinge annehmen, wie sie sind und uns ganz dem Gewahrsein und So Sein hingeben. Darin steckt sicher viel Wahrheit (die ich persönlich noch nicht ganz begriffen habe). Aber es gibt auf Dinge in der Welt, von denen wissen wir – im Grunde unseres Herzens – dass sie nicht wünschenswert sind. Wir können spüren, dass Gewalt und Zerstörung nicht etwas sind, zu dem wir einfach Ja und Amen sagen sollten!

Daher IST es wichtig, dass wir zu differenzieren lernen. Es IST wichtig Mut zu haben. Mut zu mehr Mitgefühl und Anteilnahme. Eine Haltung von Fürsorge und Bewusstheit! Wir Menschen haben die Fähigkeit (Fluch und Gnade!), über unser Handeln zu entscheiden. Wir haben die Freiheit, umzudenken. Der Weiterentwicklung der Welt eine Richtung zu geben, mit jeder Handlung diese Fortentwicklung zu beeinflussen. Wir können uns entscheiden, wie wir leben wollen. Ob wir uns nach unserer tiefsten Erfahrung und höchsten Erkenntnis richten, auch – oder gerade weil – es nicht immer leicht ist. Diese Verantwortung zu erkennen, und sich ihr bewusst zu stellen, ist meiner Meinung nach auch ein Zeichen von Reife.

Sebastian Gronbach nutzt das Bild vom Urknall: der dümpelte nicht so vor sich hin, sondern entstand aus einer gewaltigen Kraft heraus („ein einziges orgiastisches JA!“). Das ganze Universum ist voll von dieser Ursprungsenergie und zeigt mit seinen explodierenden und kollidierenden und kollabierenden Gestirnen und Planeten, dass alle Entwicklung gewaltsam ist. Unfriedlich. Dass durch Schmerz und in der Auseinandersetzung Neues entstehen kann. Wenn dich also wieder einmal Zweifel plagen und du mit deinem Los haderst, du vor Sehnsucht vergehst oder tief in deiner Unzufriedenheit steckst… versuch einmal dein Leben und deine Konflikte so zu sehen: Du bist die Fortsetzung von Gottes Gedanken.

„Gott ist Sehnsucht und Drang und will immer mehr. Als kreativer Impuls war er von Anfang an da. Warum sollte es dir anders ergehen? Du bist der ausgegossene Wille Gottes. Komm damit klar, dass du immer etwas willst, weil Gott seinen Willen deinem Willen übergeben hat.“ (Sebastian Gronbach)

 

PS: Und wer ist jetzt dieser Herr Gronbach?

Sebastian Gronbach war lange Zeit Autor und Redakteur der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Mit der Weiterentwicklung anthroposophischen Gedankenguts und der Beschäftigung mit Inhalten Ken Wilbers und Andrew Cohens machte er sich allerdings in den eigenen Reihen Feinde. So verließ er info3 und hat seine eigene Akadamie – seit diesem Jahr sogar ein eigenes Anahata Ashram 2.0 – gegründet, für Seminare und zur Weiterbildung in Wachtberg-Pech (bei Bonn). Aufmerksam wurde ich auf ihn durch ein Interview das Teil des „Erwache Kongresses“ ist. Wer diesen Online-Kongress verpasst hat, kann die Videos käuflich erwerben:

erleuchtung entwicklung online seminar

Titel-Foto: Hartwig HKD

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Gabi, erst vor zwei Tagen habe ich folgenden Eintrag niedergeschrieben:

    So wird Gott

    Musik – was wäre sie ohne die Luft, in der sie schwingen und mich erfüllen kann! Im luftleeren Raum bleibt sie ungehört und ist doch da wie ein Gedanke, ehe ihn die Zunge in Töne verwandelt. So ist Gott. Aus hinter allen Räumen kommend, schwingt er durch den Raum und wird nur im Materiellen sichtbar und erfahrbar: im Lied, im Wort, im Bild, im Fleisch, in Pflanzen, Tieren und Menschen. Aber auch im Wurm, im Stein. Gott bliebe in der Leere ohne uns, und wir blieben leer ohne ihn.

    Spannend, dass ich jetzt diese Gedanken auch bei Dir finde.

    Herzliche Grüße vom Bobby

    1. Gabi sagt:

      schön finde ich deinen Gedanken, was Gott wohl ohne uns wär 🙂

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