Jeden Abend, wenn ich mein Kind ins Bett bringe, kriege ich die Krise. Sie ist bald 3,5 Jahre alt und lässt sich gerne ins Bett bringen. Dann gibt es als Ritual ein Buch vorgelesen, Licht aus, noch ein Lied gesungen. Dann wäre theoretisch Schlafenszeit. Wenn sie dann zu quasseln anfängt, ist das unglaublich süß und es entstehen fast schon wichtige Gespräche über ihren Alltag. Wenn ich sie das tagsüber frage, bekomme ich selten so ausführlich Antwort. Es scheint erst die Dunkelheit sie zum kreativen Denken zu bewegen. Das ist nicht das, was mich stört. Sondern, dass sie dann, wenn ich gehen will, mich nicht gehen lassen will und dann sagt sie immer: „Ich hab noch Hunger.“
Abends beim Abendbrot ist sie unkonzentriert, will spielen, interessiert sich nicht fürs Essen. Was auch immer wir ihr anbieten, so richtig Appetit scheint sie nicht zu haben. Wir füttern sie dann trotzdem nach und nach, versuchen immer wieder sie mit einzubeziehen, zu ermahnen, dass jetzt Essenszeit ist, aber keine Initiative von ihr. Erst wenn sie im Bett ist, die Einschlafbegleitung fast schon eine Stunde geht und ich wirklich langsam gehen will – erzählt sie mir was von Hunger! Und wenn ich dann eine Schale Nudeln (ohne Soße) bringe oder voll Haferbrei… Ist sie alles komplett auf, als wäre sie wirklich am verhungern. Wenn sie beim Abendbrot nicht genug isst, essen will – und es die Regelung gibt ,dass es nach dem Zähneputzen nicht mehr zu essen gibt… soll ich dann mein Kind hungrig einschlafen lassen, wenn sie sagt: Ich hab noch Hunger? Sie fängt dann ganz doll an zu weinen und sagt, dass es ihr wirklich wichtig ist und sie ganz doll hungrig ist. Und wenn ich ihr dann was gebe, isst sie wirklich sehr viel – also kann das nicht nur vorgeschobener Grund sein.
Was soll ich tun? Wo liegt das Problem?

Das, was du beschreibst, ist eine Situation, die viele Eltern kennen, und es gibt verschiedene Aspekte, die dabei eine Rolle spielen. Es scheint, als ob sich bei euch mehrere Dynamiken überschneiden, die sowohl mit der emotionalen als auch der körperlichen Entwicklung deines Kindes zusammenhängen. Hier sind ein paar Überlegungen und Tipps, die euch vielleicht helfen könnten:
1. Die späte „Hunger“-Ansage als Aufschiebe-Taktik
Kinder im Alter von etwa 3,5 Jahren fangen an, stärker ihre Unabhängigkeit auszudrücken und zu merken, dass sie durch Sprache und Verhalten Einfluss auf die Abläufe in ihrem Alltag nehmen können. Zu sagen, dass sie „Hunger“ hat, könnte eine Möglichkeit sein, das Ins-Bett-Gehen hinauszuzögern. Sie weiß, dass du darauf reagieren musst, und so bleibt sie länger in deiner Nähe.
Was kannst du tun?
- Ritual verlagern: Biete eine kleine „Schlafenszeit-Snack-Routine“ an, bevor sie ins Bett geht. Eine Banane, etwas Joghurt oder ein kleines Brot könnten verhindern, dass sie wirklich hungrig wird, und du kannst gleichzeitig sagen: „Das ist deine letzte Chance, vor dem Schlafen noch etwas zu essen.“
- Grenzen setzen: Falls sie später wieder „Hunger“ meldet, könntest du freundlich, aber konsequent sagen, dass es nach dem Zähneputzen nichts mehr zu essen gibt. Erkläre ihr, dass es wichtig ist, ihren Körper auf den Schlaf vorzubereiten und dass sie morgen früh wieder essen kann.
Es ist völlig in Ordnung, feste Regeln zu haben, aber manchmal erfordern Kinder individuelle Anpassungen, besonders wenn sie noch so jung sind. Du könntest mit deinem Kind eine Regel vereinbaren, dass es nach dem Zähneputzen normalerweise nichts mehr gibt – aber wenn sie wirklich Hunger hat, könnte eine kleine, leichte Mahlzeit in Ordnung sein. Wichtig ist, dass diese Mahlzeit klar definiert und begrenzt ist.
WICHTIG: Dieser Snack sollte immer derselbe sein, damit sie nicht lernt, verschiedene Optionen herauszuhandeln.
2. Die emotionale Dimension des Abendrituals
Deine Tochter scheint das abendliche Ritual zu lieben und nutzt diese ruhigen Momente im Dunkeln, um über ihren Tag zu reflektieren. Das ist eigentlich ein tolles Zeichen, dass sie sich sicher und geborgen fühlt, um ihre Gedanken zu äußern. Für Kinder kann der Übergang vom Wachsein zum Schlafen emotional fordernd sein. Wenn sie sagt, dass sie Hunger hat, könnte dies auch ein Zeichen dafür sein, dass sie noch ein bisschen Zeit und Nähe von dir braucht, um sich zu entspannen und loszulassen.
Was kannst du tun?
- Vermehrte Tagesreflexion: Versuche, tagsüber immer wieder kleine ruhige Momente zu schaffen, in denen sie über ihren Tag sprechen kann, z.B. beim Mittagessen oder während eines Spaziergangs. Dadurch könnte sie lernen, ihre Gedanken nicht nur abends zu sammeln.
- Sanfter Übergang zum Schlafen: Ein weiterer Tipp könnte sein, das Abendritual etwas zu verlängern, um ihr mehr Zeit zum Runterkommen zu geben. Das könnte helfen, dass sie sich emotional mehr auf den Schlaf vorbereitet, anstatt ihn durch „Hunger“ hinauszuzögern.
2. Verbindung zwischen Abendessen und späterem Hunger verdeutlichen
Es könnte hilfreich sein, ihr zu zeigen, dass das Abendessen dazu da ist, um satt zu werden und gut schlafen zu können. Wenn sie beim Abendessen nicht genug isst, könnte sie abends hungrig sein. Vielleicht kannst du spielerisch mit ihr darüber sprechen und sie darin unterstützen, während des Abendessens bewusster zu essen. Es ist jedoch wichtig, dass dies ohne Druck oder negative Stimmung passiert, da Essen oft mit Emotionen verbunden ist.
Zum Beispiel:
- Beteiligung am Kochen: Lade sie ein, am Vorbereiten des Abendessens teilzunehmen. Kinder essen oft besser, wenn sie selbst etwas dazu beitragen durften.
- Essenszeit positiv gestalten: Mache das Abendessen zu einem ruhigen und angenehmen Moment. Versuche, sie nicht zu stark zu ermahnen oder unter Druck zu setzen, da das Essen für Kinder manchmal unbewusst eine Möglichkeit wird, Kontrolle auszuüben.
3. Das Verhalten beim Abendessen
Dass sie beim Abendessen unkonzentriert ist und nicht wirklich Appetit zeigt, deutet darauf hin, dass ihre Aufmerksamkeit einfach anderweitig liegt – Spielen und Entdecken sind viel spannender! Kinder in diesem Alter haben manchmal unregelmäßige Essgewohnheiten, und das ist normal. Abends jedoch „hungrig“ zu werden, könnte auch mit diesem unruhigen Essverhalten zu tun haben.
Was kannst du tun?
- Mehr Struktur beim Abendessen: Versuche, klare Regeln fürs Abendessen zu etablieren: keine Ablenkung, wie Spielzeug oder Fernseher, und auch nicht zu viele Optionen. Hilfreich kann es sein, das Abendessen zu einem ruhigen, festgelegten Moment zu machen, bei dem alle Familienmitglieder am Tisch sitzen und essen.
- Kleinere Portionen über den Tag verteilt: Kinder haben oft kleinere Mägen, und es kann hilfreich sein, ihnen über den Tag verteilt kleine, nahrhafte Snacks anzubieten, um ihren Blutzuckerspiegel stabil zu halten. Achte darauf, dass sie nachmittags nicht zu spät oder zu viel snackt, damit sie zum Abendessen Hunger hat.
Auf lange Sicht kann es hilfreich sein, ihr die Verbindung zwischen ihren Handlungen (wenig beim Abendessen essen) und den Konsequenzen (Hunger vor dem Schlafengehen) beizubringen. Das erfordert Geduld, da sie erst allmählich lernen muss, auf ihren eigenen Hunger zu hören und zu verstehen, dass das Abendessen die Gelegenheit ist, um sich satt zu essen. Du könntest ihr erklären, dass der Körper das Essen braucht, um gut schlafen zu können.
Zum Beispiel:
- Fragen statt belehren: Du könntest fragen: „Hast du genug gegessen, um bis morgen früh satt zu bleiben?“ Das fördert ihr Bewusstsein dafür, dass Essen sie stark und bereit für den nächsten Tag macht.
4. Lernprozess und Geduld
Letztendlich handelt es sich um einen Lernprozess. Dein Kind entdeckt gerade, wie es seinen Alltag und seine Umgebung beeinflussen kann, und du lernst, wie du auf diese neuen Bedürfnisse reagieren kannst. Es erfordert Geduld, Grenzen zu setzen, aber gleichzeitig auch Raum für diese abendlichen, manchmal rührenden Gespräche zu lassen.
Fazit
Es scheint, als gäbe es hier eine Mischung aus echten Bedürfnissen (Hunger) und emotionalen Bedürfnissen (Nähe, Aufmerksamkeit). In der Regel wird diese Phase vorübergehen, sobald sie lernt, ihren Hunger besser zu erkennen und zu regulieren. Eine klare Routine mit einem kleinen Snack vor dem Schlafengehen könnte helfen, und gleichzeitig solltest du klare, aber liebevolle Grenzen setzen, damit sie lernt, dass die Schlafenszeit respektiert werden muss. Wenn sie spürt, dass ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Nähe schon vor der Schlafenszeit erfüllt wird, könnte das langfristig dazu führen, dass sie sich besser auf den Schlaf einlassen kann.
