Schweine die bellen, beißen nicht.

Eigentlich hatte sich Janina (25) die Semesterferien ganz anders vorgestellt. Sommer, Sonne, Party – ganz bestimmt. Doch dann kam alles anders und plötzlich fand sie sich wieder als Zieh-Mami für zwei kleine Schweineferkel aus der Massentierhaltung.

Wie kommt eine Düsseldorfer BWL-Studentin dazu, kleine Mastschweinchen mit der Flasche aufzuziehen?

Oh da muss ich etwas ausholen. Ich war schon als Kind ein großer Tierfan und hab mich immer für Tiere eingesetzt, die schlecht behandelt werden. Egal ob Marienkäfer retten im Kindergarten oder Anti-Pelz-Aufklärung zu Schulzeiten. 

Die Ausbeutung von Nutztieren allerdings wurde mir erst vor ein paar Jahren wirklich bewusst. Durch die Europawahlen habe ich mich dann intensiv mit den Ursachen und Bekämpfungsansätzen des Klimawandels beschäftigt. Und dann kam in mir Wut auf. Wut auf alle, die sagen: „Ach, man kann doch eh nichts daran ändern.“ Die versuchen, schönzureden. Unser enormer Fleischkonsum hat jedoch verheerende Konsequenzen für die Umwelt und auf die menschliche Gesundheit.

Ich wollte wachrütteln und begann, auf Instagram über diese Themen zu posten. Das hat die Landwirte aus meiner Heimat im Münsterland natürlich verärgert und ich bekam von einem eine Einladung, mir das ganze vor Ort mit eigenen Augen anzuschauen. Ich fand das wirklich super cool von ihm, dass wir da in einen so offenen Austausch gehen konnten, obwohl wir so unterschiedliche Meinungen haben.

Von diesem Betrieb hast du auch deine Schweinchen Piggeldy & Frederick. Wie sah ihr Leben aus, bevor sie zu dir kamen?

Piggeldy & Frederick stammen aus einer Ferkelaufzucht mit ca. 1500 Tieren. Hier werden die Schweine von Geburt bis Mastalter aufgezogen und danach an Mastbetriebe verkauft. In den sogenannten „Abferkelbuchten“ liegen die Säue in ihren Käfigen fixiert – ihre Babys, etwa 15 kleine Ferkel, tapsen auf Plastikspaltböden um sie herum. Mir ist direkt aufgefallen, dass zwei besonders winzig waren und verzweifelt an den Zitzen der Sau nach Milch suchten. Der Landwirt erklärte mir, dass Schweine, die zu klein auf die Welt kommen, keine Kraft haben, sich durchzusetzen. Man müsse solche Einzelfälle dann töten (an den Hinterläufen nehmen und gegen eine Mauer schlagen oder mit Hammer auf den Kopf töten und ausbluten lassen), da sie sonst elendig verhungern würden.

Beim Gedanken daran, dass er am nächsten Tag diese kleinen zwei Tage alten Babies töten würde, habe ich reflexartig vorgeschlagen, sie an mich zu nehmen.

Als ich die beiden dann tags darauf in dem Pappkarton übergeben bekommen habe – die zwei kleinen handflächengroßen Würstchen mit Nabelschnur dran, Durchfall und kaum Kraft sich zu bewegen – war ich schon leicht überfordert. Die Ferkel haben ja ganz andere Bedürfnisse als Katzen oder Hamster. Aber Google sei Dank und mit einem halbwegs ausgeprägten „Mutterinstinkt“ habe ich relativ schnell rausbekommen, was das beste für die beiden ist. Wärme, Babymilch und viel Aufmerksamkeit war das Wichtigste in den ersten Tagen. Der Rest kam dann von alleine – learning by doing!

Warum machst du das eigentlich?

Es werden in Deutschland jährlich 57 Millionen Schweine geschlachtet. Keins von ihnen wird älter als 6 Monate (normal würden Schweine 15 Jahre alt werden, sie werden also alle als Kinder getötet). Sie alle sind in Ställen vor der Öffentlichkeit versteckt. Wer sich einmal die Schweinehaltung ansieht und sieht, was als „legal“ gilt, dem wird ganz schnell der Appetit auf Bacon und co. vergehen. Das, was wir diesen Tieren antun, indem wir sie „am Fließband“ produzieren und schlachten, ist so unmenschlich.

Janina mit ihren beiden Mastferkeln Buddy und Piggeldy. „Schweine sind wie Hunde. Stellt euch vor, man würde Hunde verstümmeln, in kleinen dunklen Käfigen mästen und dann schlachten – nur weil es schmeckt? Abgesehen vom ethischen Aspekt, hat die Massentierhaltung aus drastische Auswirkungen auf unsere Umwelt und gehört zu den Top 3 Gründen für den Klimawandel.“ 

Ich kann, nachdem ich mich mit diesen Themen so intensiv auseinandergesetzt habe, nicht einfach wieder in mein normales Leben zurück kehren und so tun, als wäre alles okay. Ich möchte später behaupten können, dass ich wenigstens versucht habe, etwas zu ändern und nicht tatenlos nur zugeschaut habe, was alles falsch läuft. Ich denke, da spielt mein eigenes Gewissen eine große Rolle. Was ist der Sinn meines Lebens? Spaß haben und Geld verdienen? Ich denke das würde mich nie ganz erfüllen. Etwas zu haben wofür es sich zu kämpfen lohnt – das gibt dem Leben doch erst Sinn :-)

Ist es eigentlich legal, Schweine im eigenen Wohnzimmer zu halten?

Bis vor kurzem habe ich die Ferkel bei meinen Eltern gepflegt. Da gab es auch Garten und Garage, aber das war natürlich keine Dauerlösung. Da uns das Veterinäramt auf den Fersen war, mussten wir die beiden früher als geplant in ihr neues Zuhause bringen. Ferkel in Haus und Garten zu halten spricht nämlich gegen ungefähr alle Vorschriften der Schweinehaltung.

Das Gesetz erlaubt eine Haltung fast ausschließlich in diesen großen, abgesperrten Schweinemastställen. Klar dient das zur Seuchenvorbeugung (bei hunderten Tieren auf engstem Raum macht das auch Sinn) – aber das trifft auf diesen Einzelfall ja überhaupt nicht zu. Das Veterinäramt hätte uns die Ferkel einfach abgenommen, aber Schweine in Kastenständen und Betonboden in ihrer eigenen Scheiße leben zu lassen – das ist ok? Das war für mich eine Kriegserklärung. Jemandem hat es wohl nicht gepasst, dass wir die Ferkel liebevoll im Garten aufziehen und darüber bei Social Media berichten. Die „Agroindustrie“, die dahinter steht (und damit meine ich nicht den einzelnen kleinen Landwirt der am Existenzminimum lebt) ist eine dreckige Lobby, die seit Jahren keine Reformen durchgehen lässt, sich am Tierleid und Umweltverschmutzung bereichert und alles daran setzt, dass der Konsum von Tierprodukten bloß nicht einbricht. Ich kann mir gut vorstellen, dass unser Projekt da ein paar Leuten ein Dorn im Auge war.

Wir haben die beiden jetzt zu einem Freund gebracht, der mit anderen Tieren an einem See lebt. Bis wir einen Weg gefunden haben, die Prüfung beim Veterinäramt zu bestehen, bleiben wir erst einmal undercover.

Wie könnte man selbst aktiv werden?

Du könntest den eigenen Fleischkonsum bzw. Konsum tierischer Produkte hinterfragen. Informiere dich, erzähle deinen Freunden davon und reduziere deinen Konsum tierischer Produkte.

Speziell unser Projekt kann man auf betterplace mit Spenden unterstützen. Später wollen wir einen Verein ins Leben rufen und eine Art Lebenshof aufbauen. Dadurch können die Ferkel weiterhin den 65 Milllionen Schweinen ein Gesicht geben, die jährlich in Deutschland geschlachtet werden.

>>> Hier kannst du Janina auf Instagram folgen: @meat_the_piglets

Vielen Dank liebe Janina für dieses aufschlussreiche Interview! Ich wünsche dir und deinen Schweinchen alles Gute. Die Überschrift zum Artikel habe ich übrigens wegen des Wortspieles in doppelter Hinsicht gewählt. Schweine gelten als ebenso intelligent wie Hunde. Wenn sie gute Laune haben und herumtollen, bellen sie sogar.

Das weiß ich aus einem Artikel in der Welt, aus dem ich hier noch zwei Zitate unkommentiert mit anfügen möchte:

„Macht, Fürsorglichkeit, Sex, Gier, Eifersucht, Angst – die reiche Empfindungswelt von Schweinen unterscheidet sich in ihren Grundgefühlen nicht so sehr von der des Menschen. […]

Am meisten hat mich einmal eine alte Sau beeindruckt, die 160 Ferkel lebend zur Welt gebracht hatte. Es war die Art, wie sie ihren Töchtern beibrachte, ein Nest aus Stroh zu bauen. Und wie sie ihnen als Hebamme half, sich auf die Geburt vorzubereiten.

Souveränität ist dafür gar kein Ausdruck. So was funktioniert aber nur, wenn es Stroh gibt. Ansonsten beißen die Schweine in die Gitter, scharren auf dem Beton, arbeiten ihren Drang, ein Nest zu bauen, an Metall und Steinen ab.“

Prof. Johannes Baumgartner aus: Schweine sprechen ihre eigene Sprache. (welt.de)

Zwei Dokus zum Thema Schweinehaltung

Schweine aus der Mast befreien: eine NDR Doku

Massentierhaltung Schweinemast in Deutschland

Filmtipps von Janina zum Thema Nutztiere / Massentierhaltung:

Linktipps:

Menschen mit Anliegen - Über diese Artikelserie

Menschen engagieren sich. Stehen für etwas ein, helfen und unterstützen oder bewahren. Ich komme mit ihnen ins Gespräch und stelle die Projekte hier vor.

5 Responses

  1. Schweinerei! Einerseits, dass sowas mit Tieren überhaupt gemacht wird, andererseits dass Leute, die das anprangern, vom Veterinäramt gejagt werden.
    Fred&Pig haben ja nochmal Schwein gehabt, aber viel zuviele haben keins!

    Auch wenn ich Veganismus für zu radikal und nicht zielführend halte ist doch ein Umdenken und -handeln unerlässlich. Aus Tierwohl-Sicht, aus Umweltsicht und überhaupt!
    Danke für dein Engagement!

  2. Super coole Aktion, aber leider ist das Interview sehr überspitzt. Irgendwie wirkt es, als seien alle Landwirte unnütze Tierquäler.. Dem ist ja definitiv nicht so! Irgendwie schade, dass so tolle Aktionen immer nur dazu dienen die Landwirte ins schlechte Licht zu rücken :(

    • Lieber Kai. Bist du Landwirt?
      Sehr gerne kann ich deine Meinung/ Sicht der Dinge noch unter dem Artikel ergänzen (oder sogar ein eigenes Interview mit dir machen?)
      – wie wäre das?
      Ich möchte dir gerne die Gelegenheit geben, dich zu äußern und Dinge in das Licht zu rücken, wie du die Sache siehst. Leider funktioniert deine Emailadresse nicht. Melde dich doch einfach über mein Kontaktformular. Danke.

  3. Schade….leider wird hier die Schweinehaltung wieder nur verallgemeinert..Die „Fließbandproduktion“ – wie Janina sie so schön nennt – hat sich bereits stark verändert und viele Landwirte geben täglich ihr bestes, um sowohl Konsument als auch Tierwohl zu berücksichtigen.
    Aber wie so oft werden immer nur die negativen Schlagzeilen genommen…lässt sich halt besser vermarkten.

    Naja nichtsdestotrotz coole Aktion von Janina, nur vielleicht sollte sie nicht nur „Hetze“ betreiben, sondern auch mal darstellen, wie gute Haltung aussieht. Und da gibt es viele viele gute Beispiele, mehr als negative! (Zumindest in Deutschland)

    • Lieber Michael, auch dir habe ich – wie dem Kai in dem unten stehenden Kommentar – eine Email geschrieben und angeboten, deine Sicht der Dinge in einem Interview zu klären und hier auf meinem Blog zu veröffentlichen. Bisher gab es noch keine Antwort von dir, melde dich doch einfach, danke!

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