Meine Freundin leidet unter Ängsten. Wie kann ich helfen?

Mein Buch ist jetzt genau einen Monat auf der Welt und ich habe eine überraschende Erkenntnis gemacht. Ich freue mich darüber, dass mir Menschen schreiben, dass Ihnen die Tipps in dem Buch gut tun und

dass sie mein Büchlein wie einen kleinen Freund empfinden, der sie versteht. Diese Art Feedback hatte ich ehrlich gesagt auch erhofft… Denn zu helfen war ja meine Motivation, das Buch zu schreiben! Nun bekomme ich aber vermehrt aus einer ganz anderen Fraktion positives Feedback: von den Angehörigen, Freunden und Bekannten der Angstkranken! Ich bin ganz erstaunt und erfreut, dass mein Buch auch da wertvolle Dienste leistet, wo ich es gar nicht vermutet hätte :)

So scheinen meine geschilderten Erfahrungen dabei zu helfen, die Freundin oder den Sohn endlich besser zu verstehen. Mich erreichen auch Fragen, wie „Was kann ich konkret tun, wenn ich eine Freundin habe, die unter Ängsten leidet?“ – „Wie kann ich meiner Tochter mit ihrer Angst helfen?“

Daher also nun heute mein Beitrag à la

„6 Tipps für Angehörige von Angsterkrankten.“

  • Tipps für Angehörige im Umgang mit Angstpatienten. Mein Freund hat eine Angststörung, ich will helfen!
  • Ratschläge für Freunde und Familie: Hilflosigkeit nicht zementieren.
  • Was können Freunde oder Bekannte tun, wie kannst du helfen, jemanden helfen der eine Angststörung hat?
  • Angststörung, wie helfen? Mein Partner ist angsterkrankt.
  • Leitfaden für Angehörige – Was Freunde und Partner tun können.
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Zuerst einmal muss ich sagen, dass es mich unglaublich rührt. Ich bin total bewegt, dass es Freunde und Partner gibt, die sich so sehr einen Kopf um den anderen machen. Danke dafür! Danke, dass du diese Liebe in dir trägst, diesen Wunsch, jemand anderem zu helfen, sein Leben leichter zu machen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich plädiere sogar dafür, dass du deinen Wunsch nach Fürsorge deutlich zeigst. In meiner Zeit der schlimmsten Panikattacken habe ich mich oft allein und unverstanden gefühlt. Es tut so gut, zu wissen, dass man nicht allein ist! Dass es jemanden gibt, dem du nicht egal bist, der sich in schwierigen Zeiten auch um dich kümmern will. Zeig deiner Freundin oder deinem Freund das! Sag: „Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“ Lass sie spüren, dass du ein aufrichtiges Interesse an ihr hast, dass sie und ihr Wohlbefinden dir wichtig sind!

Der wichtigste Tipp: Reden!

Was mir am meisten gut getan hat, war das Reden bzw. Reden dürfen. Angstpatienten tendieren ja häufig dazu, dass sich die Gedanken im Kreis drehen. Wenn du allein mit diesem Horrortrip bist, schaukeln sich die Gedanken gerne auf und alles wird immer schlimmer. Was du also tun kannst, ist immer wieder zum Reden zur Verfügung zu stehen. Und damit ist in erster Linie das zuhören gemeint. Lass deinen Partner sich allen Kummer von der Seele reden. Lass ihn weinen oder toben, es ist wichtig, dass seine Gefühle Raum haben dürfen, gehört werden! Es tut gut, alles was in dir ist, in geschützter Atmosphäre ausdrücken zu können.

Tipp 2: Keine Ratschläge!

Ich erwähnte schon, dass das Beste, was du tun kannst, das Zuhören ist. Das kann manchmal unheimlich schwer sein. In dir denkst du vielleicht: „Mach doch dies oder das, dann wird es besser! Du bist nicht in Gefahr, also musst du keine Angst haben. Hör doch auf zu weinen, ich kann deinen Kummer nicht ertragen!“ Aber gutgemeinte Ratschläge sind jetzt absolut fehl am Platze. Wenn du Ratschläge gibst, tust du in Wirklichkeit nicht helfen, sondern das Problem nur von dir weisen. (Denn dir selbst geht es besser, wenn sie aufhört zu weinen…) Wenn die Lösung so einfach wäre, und deine Freundin einfach keine Angst mehr haben müsste: dann hätte sie es sicher schon selbst herausgefunden. Sie ist aber gefangen, sozusagen, in sich und in ihrer Angst. Sie braucht keine „Verurteilung“ von dir, kein beruhigendes Kopf-Tätscheln sondern aufrichtige Anteilnahme und dein Mitgefühl. Jemanden, der versucht zu verstehen, wie es ihr gerade geht. Mit schnellen Ratschlägen wirst du sie eher vor dem Kopf stoßen. Es ist nicht DEINE Aufgabe, Lösungen zu finden. Die Lösungen müssen ganz aus ihr selbst heraus kommen, damit sie auch eine nachhaltige Wirkung haben. Manchmal muss, hart ausgedrückt, der Leidensdruck erst noch wachsen, bevor sich jemand entschließt, etwas anders zu machen als sonst. (zB eine Therapie machen) Manche Teufelskreise müssen einhundertmal durchschritten werden, ehe man begreift, wie sie funktionieren und dass sie einen nicht umbringen. Die beste Hilfe die du geben kannst, ist einfach wirklich da zu sein.

Mach dir ein genaueres Bild, wie es Menschen mit Angsterkrankungen geht, wie es in ihnen ausschaut, was sie beschäftigt. Um einen vielseitigen Eindruck zu bekommen empfehle ich dir, dich einmal durch entsprechende Foren im Internet zu lesen. Das größte und älteste Forum findest du auf https://www.psychic.de/forum/.

Tipp 3: Aktivitäten anbieten.

Als Angstmensch tendiert man dazu, sich immer mehr einzukapseln und die Welt immer weiter außen vor zu lassen. Schließlich macht ja da draußen alles Angst. Da ist es verlockend, sich im eigenen Heim einzusperren, in der vermeintlichen Sicherheit und einfach keine Herausforderungen mehr zu wagen. Du kannst deinem Freund damit helfen, dass du immer wieder kleine Ausflüge vorschlägst. Sei es ein Spaziergang oder Cafébesuch, oder ein Konzert. Ganz oft wirst du ein „Nein, ich fühl mich gerade nicht“ als Antwort bekommen. Und hier ist es wichtig, dass du nicht aufgibst. (Damit meine ich nicht, dass du deinen Freund zum Ausflug zwingen sollst, sondern dass du nicht aufhörst, immer wieder solche Angebote zu machen) Sage: „Okay, gestern hat es nicht geklappt. Heute versuchen wir es wieder.“ Es ist kein böser Wille, keine störrische Absicht, sondern echte körperlich gefühlte Angst, die zu einem Vermeidungsverhalten führt. Es ist nicht persönlich gemeint, wenn ein Mensch mit Panikattacken Verabredungen absagt. Hier ist es absolut hilfreich, wenn du dafür immer wieder Verständnis aufbringst. Ich hatte damals sooft anderen abgesagt, dass ich am Ende einsam war, weil niemand mich mehr fragte, ob ich was unternehmen will.

Tipp 4: Erkenne die „Behinderung“ an. Gib Zeit.

Für einen Menschen von außen scheint eigentlich kein Problem vorzuliegen. Ein doch recht kerngesunder Mensch steht vor einem, und meint, er würde gerade sterben. Oder irgendwas wäre nicht in Ordnung. Kurzer Check der Realität: alles ist in Ordnung, also kann sich der Mensch vor dir mal ne Runde zusammenreißen und bitteschön wieder „normal“ werden. Pustekuchen. In der Person selbst herrscht nämlich gerade größtes Chaos. Stell dir vor, du sitzt in einem Flugzeug und es kommt die Durchsage: Oh, wir stürzen ab. Während du also mit deiner Todesangst beschäftigt bist, fragt dich dein Nachbar, ob er die Zeitung haben könne und eine Stewardess kommt vorbei: „Na, noch etwas Orangensaft?“ Entschuldigung, ich sterbe gerade, ich kann mich mit solchen Fragen nicht beschäftigen!

Wenn du also gerade mit deinem lieblings-Angstmenschen unterwegs bist, und plötzlich wird er weiß um die Nase und meint, es ginge ihm so komisch, dann dränge ihn nicht weiter, sondern hab Verständnis! Suche eine Bank zum Hinsetzen und lass deinem Gegenüber Zeit, sich wieder zu sammeln. (In einem anderen Beitrag werde ich darauf eingehen, was du konkret tun kannst, wenn deine Freundin/dein Freund gerade eine Panikattacke hat)

Und erwarte nicht, dass dein Freund so „leistungsfähig“ ist, wie du. Wir Angsthasen können das nicht so gut: von einer Aktivität in die nächste, ohne Pausen dazwischen. Wir sind schnell überreizt und überfordert. Wir brauchen Zeit. Ganz viel Zeit. Fordere nicht von deinem Freund, dass er fliegen kann, weil seine Arme sind gerade sinnbildlich gebrochen. Vielleicht hilft dir auch das Bild eines Rollstuhlfahrers. Von dem erwartest du ja auch keinen Treppensprint.

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Tipp 5: Bestärke deine Freundin.

Manchmal tendierst du vielleicht dazu, deiner Freundin das Leben erleichtern zu wollen und ihr alles aus der Hand zu nehmen. Weil es dir eben nicht so schwer fällt wie ihr. Aber je mehr du alle Besorgungen machst, desto mehr gibt deine Freundin Verantwortung ab, und wird ein wenig zu einem unmündigen Kind. Besser ist es da, sie „ihr Ding“ machen zu lassen. Auch wenn es weh tut. Nicht die Aufgaben abnehmen ist zielführend, sondern das Unterstützen darin, diesen Aufgaben gewachsen zu sein. „Du schaffst das,“ oder „Ich glaub an dich.“ sind Sätze die der Angstkranke nicht oft genug hören kann. Ermuntere deine Freundin, sich immer mehr (wieder) zuzutrauen. Übernimm nur in Ausnahmefällen alltägliche Aufgaben, die deine Freundin auch selbst erledigen könnte. Es geht darum, Selbstständigkeit zu unterstützen. Dazu gehört auch, dass sie Dinge allein schafft und nicht immer Begleitung braucht.

Tipp 6: Zeig dich.

Es ist ungemein wichtig, dass du vor lauter Verständnis und Fürsorge nicht deine eigenen Bedürfnisse aus den Augen verlierst. Du bist genauso wichtig! Erkenne deine eigenen Grenzen und kommuniziere sie rechtzeitig. Du musst nicht immer und jederzeit für den anderen da sein. Denn jeder ist schließlich (auch in schwierigen Zeiten!) für sich selbst verantwortlich. Eine Freundschaft wie auch eine Partnerschaft lebt von einer gewissen Balance. In schwierigen Zeiten kippt das mal, das ist okay, aber auf Dauer sollten sich beide wohl und gesehen in der Beziehung fühlen. Auch mit einem Leben voller Ängste ist der andere in der Lage, über die eigenen Scheuklappen hinaus zu schauen. Erzähle, wie es dir geht, was dir gut tun würde! Versucht Themen zu finden, die außerhalb der Angst liegen, damit die Angst nicht alles überschattet. Was schätzt du an ihr, als Mensch? Sag es ihr!

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