Seit ich Mutter geworden bin, kann ich die Bestrebungen von Müttern aus Friedensbewegungen nur umso mehr verstehen. Dieser Schmerz und die Sorge, das wünscht man keinem Menschen! Immer wenn ich dieses Video von Yael Deckelbaum anschaue, bekomme ich Gänsehaut. Wie die Frauen in weiß auf die Berge klimmen, um oben auf dem Dach der Welt, in der Wüste, zusammen zu treffen und zusammen zu singen.
In meinem Artikel im Good News Magazin schrieb ich 2024 dazu:
Kleines Senfkorn Hoffnung
Seit Jahrzehnten kann man die schweren, gewaltvollen Spannungen im Nahen Osten in den Medien verfolgen. Anschläge, Raketenbeschuss, Krieg und Vertreibung prägen das Bild der Berichterstattung. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 und dem seitdem andauernden Krieg im Gazastreifen ist die Diskussion um den Konfliktherd Israel-Palästina wieder neu entflammt und scheint die ganze Welt zu polarisieren. Die Forderung, Position zu beziehen und sich eindeutig auf eine Seite zu stellen, ist jedoch, meiner Meinung nach, eine Fortführung der Spaltung und trägt nur zur Verschärfung des Konfliktes bei. Wer sich kritisch gegenüber israelischer Regierungspolitik äußert, sieht sich schnell dem Vorwurf von Antisemitismus ausgesetzt. Wer sich hingegen „Free Palestine“ auf die Fahne schreibt, läuft Gefahr, als Unterstützer der Hamas zu gelten. Die Debatte ist angespannt und hitzig und beide Seiten neigen dazu, der anderen ihre Sichtweise abzusprechen und ihr Unrecht beweisen zu wollen.
Dass die Suche nach dem Schuldigen, dem „schlimmeren Übeltäter“ nichts bringt, betonen immer wieder die Friedensaktivisten beider Seiten. Ihre Stimmen sind nur leise vernehmbar, weil Krieg und Terror die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber sie sind da und arbeiten unermüdlich an einer friedlicheren Zukunft ihrer Heimat.
Trauernde Eltern als Botschafter des Friedens
Was die Gewaltspirale am Leben hält, sind die persönlichen Verluste von Freunden und Familienmitgliedern. Man könnte meinen, der Wunsch nach Aussöhnung mit der anderen Seite sei das Letzte, was Betroffenen in den Sinn kommen würde. Doch die Friedens- initiative des „Parents Circle“ beweist das Gegenteil. Der Parents Circle – Families Forum (PCFF) ist eine Gemeinschaft aus mehr als 700 israelischen und palästinensischen Familien, die den schlimmsten Schmerz erleben mussten: den Verlust eines geliebten Menschen durch den Konflikt. Doch anstatt in Hass und Rachegefühlen zu verharren, wählen diese Menschen den Weg der Verständigung und des Dialogs. Sie n- den beim PCFF eine Art erweiterte Familie, neue Freunden in einem Forum, zu dem niemand frei- willig gehören will. Keine Mutter, kein
Vater – weder auf der palästinensischen noch auf der israelischen Seite.
Im Zentrum stehen das „Narrative Project“ und die „Bereaved Parents Meetings“, bei dem Israelis und Palästinenser ihre Geschichten und unterschiedlichen Perspektiven auf den Konflikt austauschen, um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen. Die Treffen werden jeweils von einem palästinensischen und einem israelischen PCFF-Mitglied geleitet. Schmerz und Ängste werden miteinander geteilt und öffnen spürbar die Tür zu gegenseitiger Empathie. Die Erkenntnis, dass der Schmerz des an- geblichen Feindes nicht geringer ist, als der eigene, entlarvt Vergeltung und Rache als unmöglichen Ausweg. Der Preis der Gewalt und Gegengewalt wird nicht nur in Zahlen gemessen, sondern auch in Träumen, die nie verwirklicht werden können, in verlorenem Potenzial und in Beziehungen, für die es keinen Ersatz gibt und die durch entsetzliche Taten zerstört wurden. Seit dem Sommer 2023 sieht sich der PCFF mit der Herausforderung konfrontiert, dass das israelische Bildungsministerium ihr Programm an den Schulen verboten hat. Eine Klage vor Gericht gab dem PCFF recht, doch noch weigert sich das Ministerium, die sogenannten „Klassendialoge“ des Parents Circle wieder in die Programmdatenbank der Schulen aufzunehmen.
Und dieses Lied in dem Video, mit den Frauen in Weiß, von überallher strömend… und die oben beschriebene Friedensbewegung erinnert mich auch an das folgende Gedicht vom Nachkriegsautor Wolfgang Borchert (eingekürzte Version), denn nicht nur Israel und Palästina haben den Frieden dringend nötig:
Dann gibt es nur eins!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in
der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London,
du, am Hoangho und am Mississippi, du,
Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und
Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der
Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt
Kinder gebären, Krankenschwestern für
Kriegslazarette und neue Soldaten für neue
Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es
nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:
In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe
stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge
gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und
muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich
fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben –
eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen,
gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und
Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig,
unaufhaltsam –
dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter
Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter
wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren
Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen
verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und
seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch
die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen
Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter
Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen,
morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – –
wenn – –
wenn ihr nicht NEIN sagt.
(Das schrieb mit großer Inbrunst Wolfgang Borchert, als letzten Text auf dem Todesbett, ein paar Tage bevor er 1947 starb)